Traum, Umsetzung, Planung

Myrta Gisler und ich (Nadine Bless) kommen aus verschiedenen Richtungen, realisierten zusammen bereits Projekte und hatten einen gemeinsamen Traum. Wir wollten unsere Erfahrungen, Leidenschaften und Wünsche zu einem neuen Projekt zusammenführen.

Als wir vom Projekt-Wettbewerb der UKB zum 100-Jahr-Jubiläum hörten, stellten wir innerhalb kurzer Zeit einen Projektentwurf auf die Beine.

Unser Ziel: Ein Angebot mit Ziegen in der Natur für Familien, die ein Kind mit einer Behinderung haben. Eine kleine Auszeit für alle Familienmitglieder. Etwas, das sie gemeinsam erleben können und das für jeden von ihnen etwas bietet. Denn durch Betroffene wissen wir, dass sie sich oft aufteilen müssen, um alle Bedürfnisse abzudecken.

Nach kurzer und intensiver Arbeitszeit reichten wir unser Projekt ein, das zwei 3-tägige Tipilager und vier Tagestrekking mit Ziegen beinhaltet.

Freudig und ziemlich überrascht erfuhren wir, dass unser Projekt zu den 20 Gewinnern gehörte.Nun ging es an die Umsetzung und Planung.

Der schwierigste Punkt war, einen geeigneten Platz für das Tipilager zu finden. An den meisten Orten hätten wir die Tipis für die 3 Tage aufbauen und danach sofort wieder abbrechen müssen. Das wäre sehr aufwändig gewesen und schade um die Tipis, die mehrheitlich unbenutzt geblieben wären.

Schlussendlich kamen wir auf die Familie Mattli, die den Zeltplatz Göscheneralp führt und fragten dort an. Sie waren sehr entgegenkommend und wir fanden eine optimale Lösung. Wir durften die Tipis für unser Lager auf dem Zeltplatz aufstellen und daneben konnten sie von anderen Leuten gemietet werden.

Viel Zeit verwendeten wir auch für den Kauf der Tipis. Etliche Fragen kamen auf und mussten geklärt werden; Grösse der Tipis, Material der Stoffe, Preis, etc. Durch Zufall konnten wir in Seelisberg ein gut erhaltenes Tipi mit viel Zubehör erstehen. Stefan Mattli hatte von einem älteren Tipi noch eine Aussenhülle, so dass wir hierfür nur noch die Stangen erwerben mussten. Das grösste Tipi von 7 Metern Durchmesser kauften wir komplett neu. Wir entschieden uns für die teurere Version, die aus Lastwagenplache anstatt Baumwolle besteht. Dieses Material ist viel robuster und langlebiger und somit besser geeignet für Orte wie die Göscheneralp, wo das Wetter doch oft rau sein kann.

Vor dem ersten Tipilager organisierten wir jedoch erst die zwei Tagestrekking. Beide führten wir am Urnersee zwischen Flüelen und Seedorf durch.

Für unsere Anlässe druckten wir Flyer und verteilten sie an verschiedenen Orten, wie auch an der Sonderschule Papilio in Altdorf. Durch eine Bekannte kamen wir auf die Organisation Sternentaler, die sich für Familien mit schweren Schicksalen einsetzt. Auch sie machten Werbung für uns. Unser Projekt fand dort grossen Anklang und es meldeten sich viele Familien aus der Zentralschweiz an.

Die ersten zwei Ziegentrekking

Bei all unseren Ziegen-Trekking hatten wir grosses Wetterglück, worüber wir sehr froh waren, da wir keine Verschiebedaten hatten, die allen gepasst hätten.

Das Tagestrekking lief folgendermassen ab: Mit den Ziegen, die wir mit unserem Picknick beluden, wanderten wir gemütlich zu einem schönen Rastplatz, wo wir die Teilnehmer mit einem feinen, auf dem Feuer gekochten Zmittag verwöhnten. Die Kinder durften die Ziegen teilweise an der Leine führen und vergassen dabei ganz, dass sie am wandern waren. Wir legten Mandalas aus Naturmaterialien, machten verschiedene Spiele und konnten sogar im See baden. Den Eltern blieb viel Zeit um sich auszutauschen und zu entspannen. Nach Kaffee und Kuchen spazierten wir zum Ausgangsort zurück.

Tipilager 2017

Das erste der beiden Tipilager führten wir im Juli 2017 durch. Bereits ende Mai hatten wir mit vielen Helfern die Tipis aufgestellt und eine Feuerstelle mit Sitzgelegenheit eingerichtet. Zum Glück bekamen wir fachmännische Unterstützung vom Hersteller des einen Tipis. Es ist eine ziemliche Wissenschaft, ein Tipi korrekt aufzustellen.

Nun ging es an die Detailplanung des Lagers, wie ein Programm zu erarbeiten, den Menüplan und die Einkaufsliste zusammenzustellen, Helfer zu finden, sowie Material zu organisieren. Eine befreundete Familie bot sich als Küchenteam an und unterstütze uns mit grossem Engagement. Auf eigene Initiative bauten sie einen alten Militäranhänger zu einem mobilen Küchenwagen um.

Einiges Material für die Küche hatten wir schon, auch Decken, Schaffelle und Sitzmätteli für draussen waren vorhanden, ein paar Sachen durften wir ausleihen, den Rest mussten wir einkaufen.

Etwas Sorge bereiteten uns noch die Tipis; an einigen Stellen tropfte es bei Regen hinein und auch der Boden war oft feucht. Für das grosse Tipi kauften wir deshalb ein Innenzelt und auf den Boden legten wir Paletten, damit die Matten, worauf wir schliefen, nicht direkt am Boden lagen.

Nach intensiven Vorbereitungen und dank der Hilfe vieler Bekannten und Freunden, waren wir endlich bereit für unser Lager und durften die ersten Teilnehmer begrüssen. Erneut kamen wieder viele Leute durch die Organisation Sternentaler und nur wenige aus dem Kanton Uri.

Lager

Die Teilnehmer reisten am Freitag nach dem Mittag an. Nachdem sie ihre Waren verstaut und sich eingerichtet hatten, führten wir ein erstes Ziegentrekking durch, bei dem sich Mensch und Tier beschnuppern und kennenlernen durften. Am Samstagmorgen machten wir Naturfahrungsspiele und bauten einen Barfussweg, wo wir mit verbundenen Augen durchliefen und herausfinden mussten, was wir alles an den Füssen spürten. Am Nachmittag bekamen die Eltern Gelegenheit, etwas für sich zu unternehmen und wir bastelten mit den Kindern Indianersachen, wie Köcher, Pfeilbogen, Kopfschmuck und Medizinbeutel. Diese Sachen brauchten wir für das Indianerfest am Abend.

Während dem ganzen Lager wurden wir vom Küchenteam kulinarisch verwöhnt. Das Team hatte sich super organisiert, denn es ist gar nicht so einfach, für etwa 25 Leute auf offenem Feuer zu kochen, schon gar nicht, wenn man das Wasser für alles jedes Mal beim entfernten Brunnen holen muss.

Die Lager-Teilnehmer waren sehr flexibel und hilfsbereit. Eine Familie musste nach der ersten Nacht sogar das Tipi wechseln, da es wegen der Nässe recht ungemütlich war. Das Wetter bot uns nämlich so ziemlich alles während dieser drei Tage; Sonne und Hitze, Regen, Gewitter und Wind. Zum grösseren Teil war es jedoch schön und so warm, dass wir im kleinen Seeli baden konnten.

Während dem Lager waren die Ziegen in einem Hag in der Nähe des Campingplatzes und sogar eine Milchziege hatten wir dabei. Die Kinder genossen den Kontakt zu den Tieren und waren fasziniert vom Melken. Die meisten probierten die frische Milch sogar direkt aus dem Kessel. Ebenfalls Freude bereitete ihnen das Spielen mit den gebastelten Indianersachen oder die Erkundung des naturnahen Campingplatzes mit durchfliessendem Bächlein.

Der Höhepunkt des Lagers bildete das Indianerfest am Samstagabend, das wir wegen Regen ins Tipi verlagern mussten. Rund ums Lagerfeuer musizierten wir auf einfachen Trommeln und befüllten die Medizinbeutel der Kinder bei einem Ritual mit kleinen Schätzen. Den Beutel und die gebastelten Sachen durften die Kinder als Erinnerung an das Lager mit nach Hause nehmen.

Nach einem reichhaltigen Frühstück am Sonntagmorgen unternahmen wir ein weiteres Trekking mit den Ziegen. Die Kinder hatten sich schon sehr gut an die Tiere gewöhnt und trauten sich auch die grossen Böcke an der Leine zu führen. Bevor es am Nachmittag ans Zusammenpacken ging, sassen wir noch gemütlich zusammen und es gab spannende Gespräche über das Erlebte, aber auch über den aussergewöhnlichen Alltag von Familien, die ein Kind mit einer Behinderung haben. Wir erkannten, dass ein solcher Austausch zwischen den Familien sehr wichtig ist, da sie sich untereinander verstanden fühlen, sich wertvolle Tipps geben können oder sich sogar gegenseitig unterstützen können.

Nachdem sich die Familien auf den Heimweg gemacht hatten, starteten auch wir mit dem Aufräumen. Wir staunten mal wieder, wie viel Material wir für diese kurze Zeit dabeihatten. Erneut hatten wir Glück mit dem Wetter, denn kaum war alles in den Fahrzeugen verstaut, begann es zu regnen.

Drittes und viertes Ziegentrekking

Im Herbst 2017 führten wir zwei weitere Trekking durch, diesmal auf dem Haldi. Wir starteten bei der Bergstation der Luftseilbahn Haldi und spazierten mit den Ziegen gemütlich zum Rastplatz bei den Süssbergen. Diese Strecke ist auch mit einem Rollstuhl oder Kinderwagen gut zu bewältigen. Die Kinder merkten gar nicht, dass es bergauf ging, da sie mit den Ziegen beschäftigt waren. An der Feuerstelle kochten wir Älpler-Magronen und später gab es Kaffee und Kuchen. Währenddessen konnten sich die Ziegen im nahen Gehege ausruhen oder feine Kräuter knabbern.

Auch bei diesen beiden Trekking bauten wir Naturerfahrungsspiele ein, die bei den Kindern gut ankamen und gaben somit den Eltern Zeit, sich auszuruhen oder sich untereinander auszutauschen.

Tipilager 2018

Nun hatten wir nur noch das zweite Lager vor uns. An den Tipis mussten wir jedoch einiges verbessern. Das grosse Tipi war dank dem Innenzelt recht dicht und trocken, trotzdem war der Boden oft feucht, was ungemütlich war. So beschlossen wir, im neuen Jahr einen Holzboden hineinzumachen. Für das mittlere Tipi bestellten wir ein Innenzelt, damit es auch bei Regen trocken und gemütlich bleibt. Da wir für die zwei letzten Tagestrekking weniger Geld gebraucht hatten, als budgetiert, konnten wir uns diese Anschaffungen leisten.

Dank wiederum vielen Helfern stellten wir anfangs Juni die drei Tipis innerhalb von zwei Tagen auf und bauten in den beiden grösseren Tipis einen Holzboden ein. Dank einer schönen Dekoration, den Innenzelten und dem neuen Boden erschienen die Tipis nun in einem ganz neuen Licht. Jetzt konnten wir uns auf das letzte Lager freuen und die Tipis auch bei unsicherem Wetter mit ruhigem Gewissen vermieten.

2. Lager

Das Lager im Juli 2018 führten wir diesmal von Samstag bis Montag durch, da für die meisten Teilnehmer gerade die Ferien begannen. Diesmal war die Gruppe sehr gemischt mit Leuten aus dem Kanton Uri und Teilnehmern aus der ganzen Schweiz, die dank der Organisation Sternentaler zu uns gefunden hatten. Es kamen ganze Familien, Mütter mit Töchtern und auch eine Frau mit ihrem gesunden Kind, die sich eine Auszeit gönnten, da dies mit der behinderten Tochter nicht möglich gewesen wäre.

Der Ablauf war ziemlich gleich wie im ersten Lager, einfach hatten wir diesmal durchgehend schönes Wetter, was alles sehr erleichterte.

Fazit:

Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass wir dank der UKB dieses Projekt umsetzen und dadurch so viele positive Erfahrungen machten durften. Durch die zahlreichen Rückmeldungen wissen wir auch, wie wertvoll diese Erlebnisse für viele Kinder und Erwachsene sind.

Ebenfalls sind wir froh, dass wir alles so durchführen konnten, wie wir es geplant hatten und dass auch unser Budget aufgegangen ist.

Auch hat sich aus diesem Projekt bereits etwas weiterentwickelt. So durften wir bereits zwei Ausflüge für die Stiftung Papilio organisieren und ein Projekt wurde gestartet, bei dem die Kinder der Sonderschule monatlich in kleinen Gruppen auf den Hof kommen, um mit den Ziegen und auf dem Hof zu arbeiten.

Die Tipis können immer mal wieder vermietet werden und bereichern die Göscheneralp. Falls wir in den nächsten Jahren etwas daran verdienen, werden wir dieses Geld in weitere Projekte im ähnlichen Rahmen einfliessen lassen.

Persönlich konnten wir an diesem Projekt wachsen, haben viel dazugelernt und unseren Horizont erweitert. Durch das Zusammensein mit Familien in teilweise herausfordernden Situationen, wird einem auch immer wieder bewusst, wie gut wir es haben. Durch neue Kontakte und Beziehungen wird es nun einfacher, unsere Projekte bekannt zu machen. Wir sind guter Hoffnung, dass es in irgendeiner Weise weiterlaufen wird.